Die Operationalisierung

Manche Fragen, die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen umtreiben und anspornen, sind sehr konkret. Sie beziehen sich auf einen sehr genau umgrenzten Ort, einen sehr genau angebbaren Zeitraum, einen detailliert benennbaren Gegenstand. Beispielsweise wird eine Stadt, die ein Gründungsjubiläum feiert und dazu eine Festschrift erstellen lässt, wichtigen Bürgermeistern einen biografischen Aufsatz widmen wollen. In einem solchen Fall, wenn man diesen Auftrag übernimmt, sind der Rahmen und der Gegenstand so genau vorgegeben, dass man für seine Arbeit rasch einen genauen Plan erstellen kann.

Anders aber ist dies in solchen Fällen, wo nicht ein genau angebbarer Gegenstand, sondern ein allgemeiner formuliertes Thema die Frage leitet. Was sind die wesentlichen Strukturen einer Epoche? Welche Faktoren bestimmen die Geschichte? Wie werden zwischennationale Beziehungen geregelt? Wie treffen Kulturen und Ethnien aufeinander? Ist die Gestaltung von Paarbeziehungen im Verlauf der Geschichte konstant oder gibt es nicht nur graduelle, sondern fundamentale Differenzen in deren Ausgestaltung? Solche Fragen, die als Forschungsthema benannt werden können, um sie vom Forschungsgegenstand differenzierter unterscheiden zu können, lassen sich kaum bearbeiten. Welche Quellen wollte man lesen, um die Strukturen einer Epoche wie des Mittelalters zu erarbeiten? Dennoch sind solche Fragen sinnvoll und wichtig – und müssen von jeder Forschergeneration beantwortet werden. Man kommt nicht umhin, solche Fragen zu konkretisieren, oder besser formuliert, man muss sie operationalisieren.

Anders gesagt, man muss einen Weg finden, tatsächlich mit einem dem Zeitbudget adäquaten Arbeitsaufwand zu fundierten und spannenden Ergebnissen zu kommen. Diese Operationalisierung abzuschätzen erfordert viel Erfahrung, für jüngere Wissenschaftler also auch den Mut, sich irgendwann zu entscheiden, anhand welchen Gegenstandes man sein Forschungsthema bearbeitet. Aber diese Entscheidung wird nicht aus der intuitiven Vermutung heraus getroffen, sondern durch Information abgesichert. Hat man sein Forschungsthema formuliert, muss man einen Forschungsgegenstand suchen, anhand dessen man eine Antwort auf die mit dem Thema verbundene Frage ausarbeiten kann.

Sind die entscheidenden Kriterien für das Forschungsthema Interesse und Relevanz, so ist dies für den Forschungsgegenstand Machbarkeit. Man kann sich noch so sehr für einen bestimmten Ort und eine bestimmte Zeit interessieren, wenn das Archiv abgebrannt ist, lohnt es sich nicht, dort zu forschen.

Es gibt auch dann Wege, zu Ergebnissen zu kommen, etwa in anderen Archiven zu suchen, da die Behörden dieser Stadt mit dem abgebrannten Archiv – wie beispielsweise Minden in den 1840er Jahren - Schreiben an andere Behörden gerichtet und diese Archive diese Schreiben wahrscheinlich aufbewahrt haben. Es gibt aber auch Möglichkeiten, seine Fragen über Umwege zu erforschen, auf ganz andere Quellengruppen auszuweichen oder das theoretische Setting zu verändern. Diese Wege sind umstrittener und umständlicher. Sie werden daher an einem anderen Ort behandelt, da sie einen unvergleichlich höheren Anteil an Spekulation beinhalten.

Um eine Antwort auf eine allgemeine Frage stellen zu können, muss man ein Forschungsfeld entwickeln, das es erlaubt, einerseits einen durchführbaren Arbeitsplan zu erstellen, andererseits in der interpretativen Perspektive von dem untersuchten Beispiel thesenartig Antworten auf die allgemeinere Frage zu formulieren. In manchen Phasen der Wissenschaftsgeschichte waren die allgemein anerkannten Prinzipien so formuliert, dass es eindeutig war, was untersucht werden musste, um eine allgemeine Frage zu beantworten. Während der Hochphase des Historismus, mit seiner Betonung des Individualitätsaxioms, des Primats der Außenpolitik und der hermeneutischen Methode hat man sich relativ unreflektiert der Frage nach den allgemeinen Charakteristika des Mittelalters genähert, indem man die Geschichte der Herrscher unter politikhistorischer Perspektive geschrieben hat. Heute ist dies unvergleichlich schwieriger, weil es zwar Moden und Zeittrends gibt, die beeinflussen, was als relevant oder weniger relevant angesehen wird. Es gibt aber verschiedenste Richtungen, die die Frage nach relevanten Strukturen des wissenschaftlichen Fragens auf sehr unterschiedliche und sich wechselseitig ausschließende Weise beantworten. Insofern ist es für jede Arbeit notwendig, die Operationalisierungsstrategien transparent zu machen, indem man das Forschungsdesign nachvollziehbar und begründet entwickelt.

Stefan Haas